Zungen-Piercing steuert Computer und Rollstuhl

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Durch gezielte Bewegungen der Zunge können Tetraplegiker unterschiedliche Signale aussenden. (Foto: Gary Meek/Georgia Institute of Technology)

Ihre große Beweglichkeit und die präzise Steuerung durch den prämotorischen Cortex machen die Zunge zu einem geeigneten Instrument, um tetraplegischen Patienten zu mehr Selbstständigkeit im Alltag zu verhelfen. Ein von US-Ingenieuren ausgetüfteltes Tongue Drive System war in einer Studie in Science Translational Medicine (2013; 5: 213ra166) dem konventionellen „Sip-and-puff“-Hilfsmittel in der Steuerung von Computer und Rollstuhl deutlich überlegen.

Das von Maysam Ghovanloo am Georgia Institute of Technology in Atlanta und Mitarbeitern entwickelte Gerät registriert über zwei Sensoren in einem Headset die magnetischen Felder von kleinen Magneten, die im Mund befestigt sind. Durch gezielte Bewegungen der Zunge können Tetraplegiker unterschiedliche Signale aussenden, die ein iPod dann in Steuerbefehle für einen Computer oder einen Rollstuhl umsetzt. Nach kurzem Training können die Patienten im Internet surfen, E-Mails abrufen und sogar einfache Computerspiele steuern, versichert Ghovanloo. Sie könnten Telefonanrufe am Handy

Ghovanloo arbeitet bereits seit mehreren Jahren an seinem Tongue Drive System. Die ersten Prototypen benötigten noch mehrere Magnete, die an Zunge, Zähne und Wangen geklebt wurden. Doch die Magneten lösten sich nach kurzer Zeit und drohten von den Patienten verschluckt zu werden. Das jetzt vorgestellte Modell kommt mit einem einem einzigen linsengroßen Magneten aus, der an einem Zungenpiercing („Barbell“) befestigt ist. In einer Studie lernten 11 Tetraplegiker (Läsion oberhalb C6) und 23 Nichtbehinderte schnell, ihre Zunge als Steuerinstrument zu nutzen. Nach kurzer Zeit konnten sie insgesamt sechs unterschiedliche Befehle mit dem Tongue Drive System erteilen. Bei gleicher Präzision waren sie dreimal schneller als mit dem konventionellen „Sip-and-puff“-Hilfsmittel, bei dem Saug- und Blasmanöver sie Signale liefern. Dabei hatten einige der Patienten zuvor über Jahre Erfahrungen mit den „Sip-and-puff“-Steuergeräten gehabt.

Das derzeitige System scheint ausgereift zu sein. Für eine Kommerzialisierung benötigt Ghovanloo jedoch die Genehmigung der US-Behörde FDA, die weitere Studien einfordern dürfte. Hierfür dürften die Ressourcen des von Ghovanloo gegründeten Start-Up-Unternehmens Bionic Sciences nicht ausreichen. Der Ingenieur befindet sich derzeit auf der Suche nach einem finanzkräftigen Partner. Auch in Deutschland wird an Hilfsmitteln für Tetraplegiker gearbeitet. Kürzlich stellten Wissenschaftler aus Göttingen, Heidelberg und Karlsruhe eine neuartige Mensch-Maschine-Schnittstelle vor, die eine Steuerung von Rollstühlen mittels der Ohrmuskulatur ermöglichen sollen.

© rme/aerzteblatt.de

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